Tantrischer Sex - eine Spurensuche...

Tantrischer Sex! Bei wem weckt das keine Fantasien? Wenn ich in Kennenlern-Gesprächen erwähne, dass ich seit 14 Jahren Tantra praktiziere und auch Gruppen leite, beginnen vor allem bei meinen männlichen Gegenübern die Augen manchmal auf eine spezielle Art zu leuchten. An was mein Gesprächspartner dann wohl denken mag? Auf jeden Fall an erotische Abenteuer, schätze ich. An wilde Leidenschaft (mit mir?), Kerzenschein, eventuell Räucherstäbchen? Gruppensex? Ekstase und intensive Vereinigungen, mehr oder weniger still, mit multiplen Berg- oder Tal-Orgasmen? Das Lenken von sexueller Energie durch spezielle Atemtechniken? Oder ganz und gar orgasmusfreies Verweilen in stundenlanger Verschmelzung??

 

Um ehrlich zu sein, traue ich mich selten nachzufragen, aus Angst mich zu outen: in Wahrheit weckt „tantrischer Sex“ bei mir nämlich mehr Fragezeichen als Fantasien: Was soll das bitteschön sein, tantrischer Sex?

 Tantra, so wie ich es verstehe, ist ein Erfahrungsweg. Damit fängt alles an.

Es ist ein undogmatischer Weg, alles miteinander zu verbinden. Oder anders gesagt: die Trennungen, die wir in uns und zwischen uns und der Welt aufgebaut haben, auf sanfte Art aufzulösen. Letztendlich geht es um Annahme und Integration von allem, was ich bin und allem, was mir begegnet. Dadurch öffne ich mich mehr und mehr für das Leben, wie es sich im Moment zeigt. Für mich ist es ein mutiger Weg, der vor nichts halt macht: nicht vor meinem Hass, meiner Eifersucht, meiner manchmal bodenlosen Verzweiflung.

 

Durch die Annahme meines Seins kann ich auch mehr und mehr die Welt um mich herum an mich heranlassen und mich einfühlen.

Sei mit dem, was ist – das ist für mich Leitgedanke meiner Praxis, ein Gedanke, der so einfach klingt und doch so paradox und komplex sich immer tiefer und weiter schraubt. Der zur Lebenshaltung wird, mich weitet und lehrt und immer wieder neu herausfordert – und zutiefst beglückt. 

 

Das heißt faktisch: es gibt kein Tantra jenseits von mir. Ich lebe tantrisch. Alles, was ich tue, ob  arbeiten, kochen, lieben, erziehen, schreiben, streiten oder feiern ist demnach tantrisch. Wie könnte es anders sein, wenn ich es doch bin? Tantra ist nichts, was ich mal tue und dann wieder nicht. Es ist kein Trickkistchen, das ich mal für eine heiße Nacht hervorhole und dann wieder „normalen“ Sex habe. Und alles andere auch, was ich erlebe und lerne, sei es meine Körper- oder Energiearbeit, die Beschäftigung mit inneren Personen, die Erfahrungen mit Freunden oder meinem Kind, die Bücher, die ich lese, die Krisen, die ich durchlebe, alles fließt mit ein in die Textur, die Tantra aus mir webt.

 

Tantra ist die große Liebe, die alles, wirklich alles vereint.

 

Dieses „alles“ ist es, was mich manchmal wie berauscht. Nichts muss draußen bleiben. Meine Erfahrung von göttlichem All-Eins-Sein ist genauso Teil meines spirituellen Weges wie mein Ärger über den Nachbarn, der den Hof vollmüllt.

 

Ich bin hier so wie ich jetzt bin - und auch mein Partner ist eingeladen, mit allem da zu sein. Das macht den Raum weit. Und lädt aber eben auch all das ein, was man sonst gerne vermeiden mag. Unlust, Frustration, Ärger. Das erschreckt manche Menschen, denn: wenn es nicht „besser“ wird, warum dann Tantra?

 

 

Natürlich kenne ich auch tantrische Rituale, Übungen und  Feste, in denen die Sinnlichkeit und Erotik explizit eingeladen sind. Und dennoch kommt es mir vor, als würde durch mein tantrisches Leben nicht etwas extra dazukommen – eher ist es so, als würde etwas wegfallen: ich bin purer in Begegnung, viel mehr auf mich selbst zurückgeworfen, als ich es früher war. Ich bin näher an mir dran, klarer in Kontakt mit meinem Gegenüber und viel geübter darin, Unvorhergesehenes anzuerkennen. So wird das Leben und Lieben nicht unbedingt einfacher, doch Tantra ist für mich kein Weg, um souverän und hochglanzpoliert an Problemen vorbei zu navigieren, sondern ein Weg ins Feuer. Alles ist willkommen - und: keine Ahnung, was der nächste Moment bringen wird.

 

Ich bin da. In Kontakt mit mir selbst, dem Raum in mir und um mich. Mit meinen Gefühlen, meinen Gedanken und meinen Bedürfnissen. Präsent in meinem Körper, den ich gut spüren kann. Und du bist da. Das ist eigentlich schon alles. So einfach. Und so abenteuerlich. Denn: Was geschieht dann? Was gestalten wir im Kontakt? Was wird passieren, was werde ich fühlen und antworten, wenn ich mich sein lasse? Wenn ich dich sein lasse? Wenn ich nicht vorher schon plane? Oder: wenn ich plane und dann merke, dass es ganz anders läuft? Oder: dass es genauso läuft, wie ich geplant hatte und ich mich plötzlich furchtbar langweile? Oder du nicht mitspielst? Das Leben hat so viel auf Lager, dass ich es manchmal gar nicht fassen kann.

 

 

Es gibt Tantra-Lehrer, die scheinen im Gegensatz zu mir zu wissen, was „richtiger“ tantrischer Sex ist. Die das göttliche Spiel von Shiva und Shakti lehren, die dazugehörigen Massage- oder Atemtechniken, bestimmte Positionen, die geübt und im Zweifelsfall korrigiert werden. Ich bin ein wenig neidisch, muss ich zugeben, denn das klingt auch nach viel Klarheit und Orientierung. Letztendlich und praktisch kann damit aber doch nur wenig anfangen.

 

Ich frage mich, ob das Unterrichten von Techniken und Stellungen sowie das Benutzen von uns Westlern fremden Begrifflichkeiten (und Zuschreibungen) wie Shiva und Shakti nicht den Raum wieder um so vieles enger macht. Dieser unglaublich schöne freie unberührte Raum, in dem alles als Potential schlummert und schillert. Der auf mich und meine Schöpferkraft wartet: mein Leben, das noch nicht meins ist. Der Raum des Nichtwissens. Den liebe ich. Und den will ich nicht umzäunt und beschnitten haben.

 

 

Wenn allerdings richtig und falsch als gesetzt wegfallen, wenn es niemanden gibt, der uns sagt, wie es geht und wie es richtig ist, begegnen wir erst einmal auch der Angst und der Hilflosigkeit. Zu ungeübt sind wir in unserer Freiheit, zu immens ist der Raum. Übungen und Techniken können dabei hilfreiche Zwischenschritte oder Haltegriffe sein, auf die wir zurückgreifen können. Und sie können uns auf den Geschmack bringen und unser Repertoire erweitern. Und ganz nebenbei lernen wir, unser Leben Moment für Moment in Übereinstimmung mit unseren Impulsen, unserer Sehnsucht und unserer Intuition zu gestalten. Oder zu merken, wann wir es nicht tun. Unsere eigene Spur zu erspüren und den Mut erwachsen lassen, ihr zu folgen bzw. sie Schritt für Schritt zu gehen. Letztlich uns zu ver-wirklichen. Und dabei durchlässig zu bleiben für das, was größer ist als wir. Egal, ob beim Sex, beim Spazierengehen, beim Streiten, beim Tanzen oder im Gespräch.

 

So gesehen umfasst Tantra alles, was jetzt existiert, sei es in Realität oder in meiner Vorstellung. Nicht nur, dass dadurch auch Unterteilungen wie rotes, weißes oder grünes Tantra ad absurdum geführt werden – nein, auch „orthodox“ gesehen „untantrische“ Vorlieben wie BDSM,  sexuelle Enthaltsamkeit oder die Orientierung jenseits der Shiva-Shakti-Polarität  werden leichter integrierbar, wenn der Mensch, der diese Vorliebe jetzt gerade hat, sie annimmt – und offen bleibt zu spüren, was der nächste Moment bringen mag. Tantra ist ein Erfahrungsweg jenseits festgefügter Konzepte, das erscheint mir essentiell. Was also soll das sein: Tantrischer Sex? Gibt es nicht genauso viele unterschiedliche Arten, tantrisch Sex zu leben, wie es Menschen gibt, die hier unterwegs sind, um zu forschen und zu entdecken?

 

 

 

Wenn also die Augen meines Partners anfangen zu funkeln, sobald ich Tantra erwähne, nicke ich meist nur lächelnd und freue mich über all die Fantasien, die ich in ihm britzeln sehe. Du wirst es schon noch erfahren. Und ich hoffentlich auch.


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